Tag 82 – Motivation

„Es ist der Größte kulturelle Unterschied, der Euch im Zusammenleben auffällt?“

Na, das war doch mal eine Frage und dazu noch eine, die man nicht einfach spontan beantworten kann. Nach einigem Nachdenken sind Tobias und ich uns aber einig: „Die Motivation“

„Motivation? Für was oder wen?“ Unser Gegenüber hatte scheinbar mit vielen Antworten gerechnet, aber nicht mit dieser.

Vielleicht wird es aber an einigen Beispielen deutlicher. Tobias und ich arbeiten beide Vollzeit und unsere Motivation ist der Spaß an der Arbeit und daran, etwas erreichen zu können. Wir haben uns bewusst für ein Leben mit mittlerweile drei Kindern entschieden und unsere Motivation ist auch da, die Kids, individuell nach ihrem Charakter und ihren Fähigkeiten zu fördern, aber auch zu fördern. Wir sind beide ehrenamtlich engagiert und auch hier ist unsere Motivation das Glück, welches wir bislang im Leben hatten, aber auch die Möglichkeiten (nicht materiell!) zum Wohle anderer, der Gemeinschaft, einzusetzen. Einfach nur für uns zu leben, entspricht nicht unserem Charakter.

Jetzt zu der anderen Seite. Oumou hat sich mit einem achtjährigen Sohn und gerade so schwanger auf den Weg gemacht, um der Gewalt, den Dramen und der Hoffnungslosigkeit zu entfliehen. Dabei hat sie ihr eigenes Land verlassen, musste fremden Menschen vertrauen, verlor auf einem Boot ihren Liebsten, kämpfte sich durch, um im Erstaufnahmelager ihren Sohn zu verteidigen und daraufhin im Krankenhaus zu landen. 

Jetzt ist sie hier bei uns, in Sicherheit und mit vielen Möglichkeiten ausgestattet, die andere Flüchtlinge momentan nicht ansatzweise haben und sie lässt sich zu nichts bewegen. Am Liebsten schläft sie und füttert nonstop Moustaf. Wenn ich ihr etwas zeige, dann macht sie es, scheinbar auch gerne, aber sobald ich ihr den Rücken zuwende, fällt sie in ihren eigenen Trott. Sie ist nicht interessiert an den Dingen die wir tun, außer wir fordern Sie auf. Dann ist sie meistens extrem geschickt und mit Spaß dabei. 

Oumou sucht sich keine Betätigung, auch wenn es hier genug davon gäbe. Viele Menschen kommen vorbei, um mit ihr zu reden oder sie einzuladen. Diese ihr bietenden Möglichkeiten nimmt sie nicht wahr.

Sie denkt auch gar nicht daran, dass sie Mamoudou morgens Frühstück macht, ein Butterbrot für die Schule oder mittags ein Essen.

Selbst ein Spaziergang durchs Dorf oder ein Besuch der nächsten Stadt erfolgen immer nur auf meine Anregung hin, aber dann mit voller Begeisterung.

Im neuen Jahr müssen wir dringend an die Frage: Wie stellt sie sich die Zukunft vor! An schlechten Tagen sage ich dann, sie hat keine Vorstellung, an guten will ich das aber absolut nicht glauben, schon aufgrund der Kinder.

Ein Gedanke zu “Tag 82 – Motivation

  1. Hallo Diana, ich finde es großartig, wie Ihr Euer Haus und Leben geöffnet habt und es teilt mit Oumou und ihren Kindern. Ich verfolge die Entwicklung mit viel Spannung und freue mich über die Schritte, die die drei machen.
    Bei diesem Post habe ich mir gedacht, dass Du und Tobias auch für die hiesige Kultur (weit) überdurchschnittlich motiviert seit und mehr Power habt als die meisten Leute, die ich so kenne. Ich habe mir ganz ohne Oumous alptraumhafte Flucht und Schwangerschaft ein Jahr Zeit genommen, um mich nur um meine Tochter zu kümmern und sie (fast) den ganzen Tag lang zu füttern. Ich war mir zwar bewusst, welchen Luxus ich genieße, fand die Zeit aber dennoch anstrengend, speziell in den ersten drei Monaten nach der Geburt. Selbst in einer tollen Familie wie Euch und mit der Sicherheit, die Ihr bietet kann ich mir vorstellen, dass man sich in einem fremden Land ohne Partner mit einem Neugeborenen und einen Kind schon mit dem Hier und Jetzt überfordert fühlt, ohne für die Zukunft denken zu können.

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